Normalerweise preschen in Zeiten wie diesen geradezu wöchentlich einzelne Untergrundpolitiker wie Frau von der Leyen oder Sachsen-Anhalts Justizministerin Andrea Kolb mit dubiosen, meist von Lobbyisten gegründeten, Verbots-Ideen vor. Mal soll das Internet verboten werden, mal die Meinungsfreiheit, dann das Baden an diversen Seen, dann Alkoholkonsum, dann Glühbirnen, dann das Fällen von Bäumen auf Grundstücken(!), dann das Rauchen, und dann doch wieder nicht. Jetzt will ich auch mal ein Verbot fordern: das Verbot der Wahlplakate!
Wahlkampf besteht aus drei Phasen: in der ersten Phase kommen (finanzielle) Geschenke der aktuellen Regierung an eine große Bevölkerungsgruppe. Aktuell war das mit der Rentenerhöhung der Fall. In der zweiten Phase werden Städte, Wiesen und Wälder mit stumpfsinnigen Wahlplakaten de-dekoriert. Die letzte Phase besteht aus Verbalschlachten der Streithähne im TV.
Meiner Meinung nach gehören alle 3 Phasen abgeschafft. Phase I entbehrt meist nicht nur jedweder Grundlage, sondern verbrennt vor allem unnötig Geld. Phase III entspringt einer US-amerikanischen Philosophie des Persönlichkeits-Vertriebs eines künftigen Kanzlers, welche besagt, das der bessere Quasselkopf gewinnt. Das diese mechanischen Positiv- & Verkauf-Dich-gut-Lebensphilosophien der US-Amerikaner nicht immer erfolgsgekrönt sind, sondern tatsächlich in eine Krise führen können, wurde jüngst von knapp 7 Milliarden Zeugen beigewohnt.
Kommen wir zur Phase II: die Plakate. Den einzigen Vorteil dieser Naturverunstaltungen erkenne ich in einer temporären Auslastungserhöhung der Druck- und Papierindustrie.
Stattdessen vertrete ich vollständig die Überzeugung, das die Plakate nicht nur unnötig sind, sondern das Wahlergebnis verzerren. Meine These läßt sich wie folgt begründen: diejenigen der Wählerinnen und Wähler, welche sich aktiv mit der Politik auseinandersetzen, haben Ihre Entscheidung weitgehend getroffen. Als Entscheidungshilfen dienen hierbei Wahlprogramme, Persönlichkeiten und das übliche politische Tagesgeschäft der Parteienlandschaft. Hier werden Fragen beantwortet wie Welche Partei gefiel mir in der letzten Legislaturperiode besonders gut? Von welcher Partei verspreche ich mir aufgrund meiner gegenwärtigen ideologischen oder wirtschaftlichen Situation die größten Vorteile? Welche Partei vertritt meine eigenen Interessen oder die meiner Familie besonders gut?
Die oben skizzierte – inhaltsorientierte – Bevölkerungsschicht braucht also keine Wahlplakate. Zum Zeitpunkt des Aufstellens des ersten Plakats haben Sie ihre Entscheidungen getroffen. Übrig bleiben Politik-Verdrossene, BILD-Leser, RTL-Zuschauer und die Leute mit der Denkweise “die machen da oben doch eh alle was sie wollen”.
Gerade diese – in meinen Augen hinsichtlich einer Wahl sehr gefährliche – Bevölkerungsgruppe bildet sich Ihre Meinung besonders aufgrund der Inhalte eines Wahlplakats. Aber welche Inhalte bietet ein Wahlplakat? Keine! Die Fläche eines Plakats ist nicht gerade dazu geeignet, ein Wahlprogramm auch nur ansatzweise zu skizzieren. Wahlplakate sollen aus 10 Meter Entfernung lesbar sein. Was passt also inhaltlich drauf? Nichts außer blanker Polemismus. Dieser Polemismus verschandelt nicht nur die Natur, sondern auch das Wählerverhalten.
Aus einem Wahlprogramm, das ansonsten aufgrund seines Umfangs innerhalb einer Mittagspause nur schwerlich vollständig verdaut werden kann, werden im BILD-Zeitungs-Niveau 7 Wörter herausgegriffen, mit 3 Ausführungszeichen versehen und mit 10 Zentimeter hohen Lettern an die Talkshow- und katastrophensendungenverwöhnten Sinnesorgane einer Bevölkerungsschicht gesendet, die schon mit dem Dreisatz überfordert ist.
Damit – bzw. so – wird Politik gemacht. Kein Wunder, das wir seit 12 Jahren (u.a.) von einer Partei regiert werden, deren Umfragewerte unter 25% liegen. Mal schauen, wessen Polemik diesmal siegt.
Schafft die Wahlplakate endlich ab!
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